Schlagwort-Archive: Kinder

Immer nur Passagier

Beim Spielen muss es immer einen geben, der sagt, was jetzt läuft, der entscheidet, ob der Sessel jetzt ein Motorrad oder eine Rakete ist, der weiß, ob hinter dem nächsten Busch der Mars ist oder das Wohnzimmer. Es muss einen Bestimmer geben. Ich bin das nie.

Das war ich schon früher nicht. Als kleiner Bruder eines großen Bruders war ich Befehlsempfänger. Wenn er Lego gebaut hat, hab ich die benötigten Steine rausgesucht. Wenn er heimgewerkt hat, hab ich das Maßband gehalten. Und wenn er im Wohnzimmer aus Tischen, Stühlen und Decken ein echtes Schiff gebaut hat und als Kapitän dem Ozean und sämtlichen Stürmen getrotzt hat, dann war ich – der Passagier. Was macht ein Passagier auf einem Schiff, das weder einen Pool, noch ein Casino, noch eine Bar hat? Er schaut. Und bis ich endlich draufkam, dass das ein blöder Job ist, schaute ich viel.

Heute bin ich erwachsen, ernähre eine Familie und zahle viele wichtige Versicherungen. Nur bestimmen darf ich immer noch nicht. Wenn das schönste Kind der Welt Duplo baut, such ich die gewünschten Steine raus. Wenn das Kind in der Kuschelecke Weihnachtslieder singt, darf ich daneben sitzen und zuhören. Und wenn Einkaufen gespielt wird, dann kauft die Mama ein. Und ich darf in der Schlange stehen und warten.

Zum Glück kommt bald die Ablöse.

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Moderne Zeiten

Wir haben uns schon oft über unseren Nachwuchs gewundert, jetzt wundern wir uns digital. Das modernste Kind der Welt bedient die elterlichen Smartphones, als hätte es nie was anderes getan. Genau genommen hat es auch nie was anderes getan, von Geburt an lag mindestens eins dieser Dinger in der Wohnung herum. Und während meine hochverehrte Frau Mutter ihren Touchscreen immer wieder mal verzweifelt nach einem Knopf absucht, den sie drücken könnte, ist es für die Zweijährige völlig selbstverständlich, dass sie die Tastensperre aktiviert, wenn sie das Handy wieder abgibt.

Wo sind die Zeiten hin, in denen die Kinder ins Reich der Phantasie abgetaucht sind? Wohin die goldenen Tage, in denen wir – um einen Freund zu zitieren – zum Spielen nichts weiter hatten als einen Stock und einen toten Frosch? Und trotzdem glücklich waren? Nun, liebe Leser, die sind Gott sei Dank vorbei. Ein toter Frosch ist nur dann cool, wenn man ihn mit der Handykamera scannen, in eine App laden und mit dem Zeigefinger sezieren kann. Das sollte mal wer programmieren!

Und dennoch – die schöne neue Welt wird mit der guten alten Phantasie nie ganz mithalten können. Glauben Sie nicht? Hier mein Beweis: Am Strand von Grado spielen einige deutsche Urlauberkinder „Ritter“, sie wollen einen Drachen fangen. Also laufen sie am Strand umher, um einen zu suchen. Jetzt sind Drachen am Strand von Grado aber schon seit letzter Woche aus, also hat ein deutsches Urlauberkind eine geniale Idee und sagt zu den anderen: „Spielen wir, dass das Internet überall ist und wir uns online einfach einen Drachen bestellen!“

Wahre Geschichte. Kinder bleiben Kinder. Ganz egal, wie 0 und 1 die Welt wird.

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Doch kein Urlaub

Ich wache um 11:00 Uhr auf. Stille. Kein Geschrei, kein Fuß im Gesicht, niemand will, dass ich jetzt sofort irgendwohin komme, der Esstisch ertrinkt nicht in einer Frühstücks-Milch-und-Müsli-Pfütze, kein Lego unter meinen Füßen. Irgendwas stimmt nicht. Da fällt mir ein: Mutter und Kind sind verreist. Ich bin allein. Was jetzt?

Zu Beginn hat, das muss ich gestehen, schon auch ein wenig Freude mitgespielt. Urlaub für Mutter und Kind bedeutet auch ein bisschen Urlaub für mich. Ich hab mir eine Liste geschrieben mit all den Dingen, die ich immer schon erledigen wollte und für die ich jetzt endlich die Zeit habe.

Es gibt einerseits Dinge auf die ich mich richtig gefreut habe, so wie tagsüber Fernsehen. Ein Traum! Einfach so auf der Couch lümmeln und sich berieseln lassen. Oder diesen einen Film ordern, den ich noch immer nicht geschafft habe. Und dabei ganz ungeniert eine Tüte Chips wegputzen – ohne zu teilen! Oder ein Eis! Oder beides! Andere Dinge müssen einfach erledigt werden. Die neue Wohnung braucht einen neuen Duschvorhang, einige neue Lampen, mehr Ordnung in praktisch allen Regalen, mehr Sicherheits-Gitter auf der Treppe, und und und…

Die ersten zwei Tage hab ich mit den angenehmen Dingen verbracht und Folgendes festgestellt: Im Fernsehen läuft nur Mist. Ich kann mich nicht erinnern, welcher Film das war, den ich unbedingt sehen wollte. Und von Chips und Eis wird mir schlecht. Also hab ich beschlossen, mich den anderen Aufgaben zu widmen, konnte aber die nötige Motivation nicht zusammenkratzen. Immerhin hab ich noch sooo lange Zeit, bis die Familie wiederkehrt.

Ich werde mich also jetzt mal zwei Wochen langweilen und dann sehr plötzlich sehr viel Stress kriegen, weil die Zeit knapp wird. Urlaub schaut anders.

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Man lässt spazieren

Gestern war ich spazieren. Die beste Freundin der Welt musste was erledigen, das schönste Kind der Welt musste schlafen – also musste ich gehen.

Ich bin früher nie spazieren gegangen. Ich hab mir gedacht: Entweder man geht wohin, oder man lässt es bleiben. Man geht ja auch nicht um einen Berg herum, sondern auf den Gipfel und wieder zurück. Man geht zum Wirten, zum Auto, ins Bett. Es muss ein Ziel geben. Das nackte Gehen um der Bewegung, der Verdauung oder der frischen Luft Willen hat mich nie gereizt. Bewegung wird oft überbewertet, Verdauen kann ich auch im Liegen und das mit der frischen Luft war in der Grazer Kessel-Lage immer so eine Sache.
Abgesehen davon habe ich unlängst auf Wikipedia folgenden Satz gelesen: „Ein Spazierstock erleichtert und beschwingt das Gehen.“ Eine Tätigkeit, die ausgerechnet von einem Gehstock „beschwingt“ wird, kann nur Mist sein.

Aber das schönste Kind der Welt muss bewegt werden. „So ein Spaziergang tut ihr sicher gut“, heißt es dann von der Oma. Dabei geht das Kind gar nicht spazieren! Es liegt faul, meist sogar schlafend, da und lässt spazieren. Bevorzugt vom Mann, der auch da wohnt, für irgendwas muss er ja gut sein.

Inzwischen habe ich aber einen Kompromiss gefunden, mit dem ich gut leben kann: Spazierengehen an sich ist immer noch Mist. Spazierengehen mit dem schönsten Kind der Welt hat aber jetzt einen Sinn, weil ein Ziel, bekommen. Das Ziel ist, aller Welt meine stolz-geschwellte Vaterbrust zu zeigen. Neidig sollen sie werden. Und noch eine Runde durch den Park.

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Kindische Vorsätze

Am 31.12. reden wir uns die Verfehlungen des letzten Jahres als gute Vorsätze des kommenden Jahres schön. Das schönste Kind der Welt hat sich folgendes vorgenommen:

  • Im Liegen einschlafen.
  • Mama und den Mann, der auch da wohnt, durchschlafen lassen.
  • Wenn der Schnuller aus dem Mund fällt – Ruhe bewahren. Es ist nur ein Schnuller.
  • Die Stimmbänder langsam einsingen, bevor es in die hohen Lagen geht.
  • Einen Pyjama ein Frühstück überleben lassen.
  • Eine Zeitung ein Frühstück überleben lassen.
  • Den anderen Kindern wirklich nur „Ei Ei“ geben.
  • Das nervige Dinosaurier-Geräusch (wie diese kleinen schnellen Biester aus Jurassic Park) abstellen.
  • Wenn Abstellen nicht geht: Mama und dem Mann, der auch da wohnt, wenigstens zehn Sekunden Zeit zum Reagieren lassen, bevor das Dinosaurier-Geräusch kommt.
  • Der Gute-Nacht-Flasche noch eine letzte Chance geben.
  • Den Mann, der auch da wohnt, wieder vom Finger abwickeln.

Wobei zu befürchten ist, dass der letzte Punkt die nächsten paar Jahre auf der Liste bleiben wird.

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Weihnachts-Wahrheit

Wir haben an dieser Stelle schon mal übers Belügen von Kindern gesprochen. Von da ist es nicht weit bis Weihnachten. Denn da lernen die lieben Kleinen, wie man seine Eltern belügt.

Bei uns zu Hause war es jedes Jahr dasselbe Spiel. Am 24. musste Vater mit uns außer Haus, damit Mutter „dem Christkind helfen“ konnte. Rückblickend betrachtet eine Meisterleistung, in nur drei Stunden den Baum aus dem Keller zu holen und zu schmücken, sowie ein Festessen auf den Tisch zu bringen. Aber all das sahen wir Kinder nicht. Wir zählten nur die Minuten, bis wir endlich den Gang durchs Wohnzimmer antreten konnten. Ich nennen ihn den „Gang der Lüge“.

Mutter und Vater zogen meinem Bruder und mir Wollmützen übers Gesicht, damit wir das Christkind nicht sehen können und es nicht wegfliegt. Diese acht Sekunden quer durchs Wohnzimmer in den hinteren Teil der Wohnung waren das heimliche Highlight des Tages. Zu verdanken hatten wir das den Wollmützen und ihren sehr groben Maschen – durch die man durchsehen konnte. Was wir sahen, war alles Lüge: Keine Spur vom Christkind, dafür ein halb geschmückter Baum und ein paar vereinzelte Geschenke, die unmöglich vom Christkind sein konnten; das bringt sicher alle Geschenke auf einmal – aus Gründen der Logistik.

Die Familie errichtete also ein kunstvoll konstruiertes Lügengebäude. Natürlich war das Christkind da, natürlich hatte es noch keine Geschenke gebracht und natürlich hatten wir nichts gesehen. Auch nicht durch das Schlüsselloch der Wohnzimmer-Türe. Und da endet das Lügen für gewöhnlich nicht. Natürlich gefällt mir der Pullover. Natürlich schmeckt das Essen. Natürlich hab ich das Buch noch nicht. Natürlich singst Du wunderschön.

Aber das ist das Schöne an Weihnachten. Man liebt seine Familie so sehr, dass man ihr nicht immer die Wahrheit sagen muss. Eigentlich das beste Geschenk von allen. Frohes Fest!

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Zu spät zum Nikolo

Jedes Jahr am Nikolausabend war ich bei Familie L. eingeladen. Monatelang davor und monatelang danach ließ ich mich nicht blicken, nur an diesem Abend war ich zu Gast. Aber: Ich kam immer zu spät. Und zwar genau 10 Minuten, nachdem der Nikolaus gegangen war. Das ist in etwa so lange, wie man brauchen würde, um ein rotes Kostüm mit Stab in einem Kofferraum zu verstauen. Jedes Jahr wurde ich von den Kindern dafür gerügt. Jedes Jahr rangen sie mir das Versprechen ab, im nächsten Jahr doch bitte pünktlich zu sein. Und dann erzählten sie mir ausführlich, was der Nikolaus gesagt hatte. Ich zupfte mir derweil ein weißes Kunststoff-Haar aus dem Scheitel. Unglaublich, dass wir so lange damit durch gekommen sind.

Bis es eines Tages vorbei war. Zwei Wochen vor dem großen Abend rief mich die siebenjährige Tochter der Ls, Johanna, an. Sie war aufgeregt. Sie druckste herum. Und dann ging sie aufs Ganze: „Bist Du der Nikolaus?“ Meine Gedanken begannen zu rasen. Was tun? Aufklären? Leugnen? Eiskalt anlügen? Vor allem: Je länger ich zögerte, desto eher würde sie den Braten riechen. Ich versuchte es diplomatisch: „Was sagt denn Deine Mama?“ Die Antwort traf mich hart: „Die sagt, ich soll Dich fragen.“ Danke, Mama L.

Der Nikolaus musste also der kleinen Johanna erklären, dass er nur erfunden war. Zum Glück nahm sie es mir nicht übel. Im Gegenteil: Zwei Wochen später stand sie hinter ihrem jüngeren Bruder und zwinkerte mir pausenlos sehr wissend zu. Immerhin war sie jetzt eine Große.

Meine Nichte hat das eleganter gelöst. Die hat sich in der Schule vorab informiert, ihren Eltern dann erklärt, dass es den Nikolaus nicht gibt, und gleich in einem Aufwaschen das Christkind, den Osterhasen und die Zahnfee sterben lassen.

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Manfred

Die Kindernamensuche hatte drei Stunden nach der Geburt ein glückliches Ende gefunden. Und schon machen sich neue Sorgen breit. Im Radio reden sie gerade über die Spitznamen von Fußballern. La Machina heißen die, oder Schweini, oder El Nino, oder Schnitzel. Da überlegt man sich monatelang einen wunderschönen Namen, der weder durch Abkürzung, Anhängen eines „i“ oder Reim-Endungen („Jürgen – würgen“ – Kinder sind da nicht so wählerisch) verhunzt werden kann. Und dann kommt irgendsoein Kindergarten-Prolet daher und denkt sich was völlig unsinniges aus?

Fürchterliche Szenarien gehen mir durch den Kopf. Kinder in der Steiermark, die meine Tochter ob ihres Wiener Wohnortes „Mundl“ rufen. Kinder in Wien, die meine Tochter ob ihrer steirischen Wurzeln „Kernöl“ schimpfen. Kinder, die einfach nur gemein sind und irgendwas erfinden. So, wie es in meiner Jugend der Fall war. Ich war alles von Joachim, über Joki bis hin zu Joghurt. Und dann kam ein Freund daher, der in einem Nebensatz meinte: „Oder wir nennen ihn einfach Manfred“.

Das blieb dann 15 Jahre lang hängen. Inzwischen bin ich aber drüber weg. Meistens halt.

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Über das Gießen von Fröschen

Eltern sind schon komische Menschen. Unlängst rief M. bei mir an. Ich freute mich, ich hatte ihn lange nicht gehört. Er erkundigte sich nach meinem Befinden, dann erzählte er ein wenig von sich und mitten im – Nein, nicht den Frosch gießen! – Satz sagte er etwas, was so gar nicht dorthin gehörte. Danach sprach er weiter als wäre nichts gewesen. M. hat keine Probleme, er ist einfach nur Vater.

Ich habe Eltern Dinge tun sehen, die – aus der naiven Sicht eines noch-nicht-Vaters – schon sehr eigenartig sind. Sie verbieten  etwa anderen Personen, Amphibien zu gießen. Sie freuen sich über den Stuhlgang Dritter. Sie setzen sich in Beratungen ganz ernsthaft mit dem richtigen Transportieren kleiner Menschen auseinander. Sie laufen in Unterwäsche durch den Strahl eines Rasensprengers und jauchzen dabei. Sie suchen Autos nach dem vorinstallierten Kindersitz-System aus. Sie zählen sehr bedrohlich bis drei. Sie sprechen die eigene Partnerin nur noch mit „die Mama“ an. Sie rappen das Pippi Langstrumpf-Lied. Sie gehen auf „Baby-Expos“. Sie ertragen dort das Geschrei der Märchentante, in dem Irrglauben, ihrem Nachwuchs würde das gefallen. (Der erträgt es nur, weil Mama es will.) Sie benutzen Eis als Druckmittel, um ihren Willen durchzusetzen. Sie legen ihre Tagesplanung in die Hände Minderjähriger. Sie legen mitten im Gespräch auf, nur weil das Kind plötzlich so ruhig ist, da stimmt sicher was nicht. Und sie sind immer so grundlos müde.

Jetzt muss ich aufhören. Ich muss einem recht großen Bauch erklären, er möge nicht so fest treten, denn „die Mama“ will jetzt bitte schlafen. Und ich muss hoffen, dass der Bauch versteht, was treten, was schlafen und wer bitteschön „die Mama“ ist.

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