Archiv für den Monat September 2013

Wiener Wind

Ich habe einen neuen Arbeitsplatz und zur Erreichung desselben das Fahrrad als neues Verkehrsmittel auserkoren. 15 Minuten von Tür zu Tür, knappe 10 km sechs Mal die Woche. Mein ökologischer Fußabdruck schrumpft schlagartig auf Schuhgröße 23, ich trainiere nebenbei und spare Geld, das ich sonst den Wiener Linien in den Rachen werfen müsste. Eine Wien-Wien-Situation, wie ein weiser Mann einmal gesagt hat. Aber leider ist es mehr eine Wind-Wind-Situation.

Jetzt muss man sich als Radfahrer ganz grundsätzlich mit Wind abfinden. Je schneller man fährt, desto stärker der Wind, gegen die Physik kann man nix machen. Zum Fahrtwind kommt in Wien aber noch der Wiener Wind. Der ist im Prinzip gleich wie der Wind anderswo auch, mit einem feinen Unterschied. Er kommt immer von vorne.

Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist. Soweit ich die Physik verstanden habe, müsste der Wind, wenn er von A nach B weht, eine eindeutig bestimmbare Richtung verfolgen. Man müsste also die dem Wind zu- und dem Wind abgewandte Seite bestimmen können und sich entsprechend verhalten. Dem Wiener Wind scheint die Physik allerdings Wurscht zu sein. Ich fahre nach A, der Wind kommt von vorne. Gut, denk ich mir, dann dreh ich um und fahre nach B und was macht der Wind? Er kommt von vorne. Ich sehe Regenschirme und Zeitungen an mir vorüberziehen, Fahnen stehen stramm, kleine Hunde verbeißen sich verzweifelt in Brückengeländer. Und alle tun das in die andere Richtung.

Entweder der Wind hat was gegen mich persönlich oder die Wiener Luft ist einfach dicker als anderswo und man radelt wie durch unsichtbares Wasser. So oder so – mir bleibt nur kindliches Staunen. Mit geschlossenem Mund, ich muss möglichst wenig Widerstand bieten.

Getaggt mit , , , , , , ,

In der Garderobe

 

Da sitze ich nun auf einer 30 cm hohen Bank herum, umgeben von kleinen Schuhen, kleinen Jacken, rosaroten Rucksäcken und Stickern mit Hasen, Igeln, Schnecken und Schmetterlingen. So sieht also eine Kindergarten-Garderobe von innen aus. Das schönste Kind der Welt sitzt zwei Räume weiter am Schoß einer fremden Frau und hört zu, wie eine andere fremde Frau das Guten-Morgen-Lied auf der Gitarre spielt. Ich bin auf Standby, weil wir noch nicht wissen, wann das Kind merkt, dass Papa nicht dabei ist.

Mein erster Tag in der Garderobe traf mich völlig unvorbereitet. Ich hatte nicht damit gerechnet, so viel Zeit zu haben und hatte dementsprechend wenig Ablenkungsmöglichkeiten dabei. Internet am Handy geht einem auch irgendwann auf die Nerven.

Tags darauf kam ich mit Buch und genoss 1 1/2 Stunden Lesezeit – ein seltener Luxus im letzten Jahr. Ich begann mich mit der kleinen Bank anzufreunden. Wenn man sich quer hinsetzt, die Beine ausstreckt und den Kopf an die Haubenablage lehnt, kommt beinahe so etwas wie Gemütlichkeit auf. Ein Popo-Polsterl würde das hier zu einer Lounge machen.

Heute bin ich noch schlauer geworden und habe mir eine Art Kindergarten-Garderoben-Büro eingerichtet. Laptop, Handy fürs Internet, Kaffee im Thermosbecher. Eine Topfpflanze an meinem Platz (Marienkäfer) wäre nett. Ruhig isses auch meistens, wenn nicht grad ein Kind weint. Morgen hab ich meine Kopfhörer dabei.

Inzwischen kennt man die anderen Eltern, man grüßt sich, man plaudert mit den Zwergen. Und die anderen Eltern kennen solche Eltern wie mich. Gerade eben betrat eine mir noch fremde Mutter samt Sohn mein Büro, sah mich mit meiner Ausrüstung und meinte nur: „Ah. Die Neuen.“

Ins kalte Wasser

Montag Morgen war bisher nur ein neuer Tag in einer neuen Woche. Der morgige Montag Morgen wird anders sein. Das schönste Kind der Welt kommt in die Kinderkrippe.

Wenn ich das hier schreibe denk ich mir selber grad: Wie bitte? Die Kleine ist ja gerade erst geschlüpft! Das ist grad mal ein Jahr her! Vor drei Monaten hat sie gehen gelernt! Sie ist doch noch nicht annähernd in der Lage, sich in der erbarmungslosen Welt der abgebrühten Vor-Kindergarten-Kinder zu behaupten. Sie wird sich nicht auskennen, sie wird keine Freunde finden, sie wird Mama und Papa schrecklich vermissen und überhaupt den ganzen Tag weinen. Unmöglich! Krippe ist gestrichen, ebenso wie Schule, Pfadfinder und Uni.

Und dann denk ich an all die Dinge, die sie schon kann: Ein Joghurt mit dem Löffel ausleeren. (Essen wäre etwas zuviel gesagt, zumindest ein Teil davon landet im Mund.) Die CD mit den Kinderliedern selber einlegen und abspielen. Am Handy Fotos weiterblättern. Die volle Windel selber in den Mistkübel werfen. Papa seine Schuhe bringen, ob er sie gerade braucht oder nicht. Alle Freunde und Verwandten auf unserer Fotowand identifizieren. Ein „Bild“ malen. Ein Schnitzel essen. Auf die Couch und wieder runter klettern. Eine Haube aufsetzen. Mama so lange quälen, bis genau das richtige T-Shirt angezogen wird. Auf dem Rutschauto fahren – wenn auch nur rückwärts. Aus einem Becher trinken. Zähneputzen. Sandkuchen backen. Auf die Rutsche klettern. Grimassen schneiden.

Ins kalte Wasser springen.

Das wird sie auch morgen tun. Und irgendwann wird sie uns am Eingang zur Krippe fortschicken, damit es nicht peinlich wird, wenn Mama und Papa ihr ein Bussi geben. Kinder, wie die Zeit vergeht!