Archiv für den Monat Dezember 2012

Weihnachts-Wahrheit

Wir haben an dieser Stelle schon mal übers Belügen von Kindern gesprochen. Von da ist es nicht weit bis Weihnachten. Denn da lernen die lieben Kleinen, wie man seine Eltern belügt.

Bei uns zu Hause war es jedes Jahr dasselbe Spiel. Am 24. musste Vater mit uns außer Haus, damit Mutter „dem Christkind helfen“ konnte. Rückblickend betrachtet eine Meisterleistung, in nur drei Stunden den Baum aus dem Keller zu holen und zu schmücken, sowie ein Festessen auf den Tisch zu bringen. Aber all das sahen wir Kinder nicht. Wir zählten nur die Minuten, bis wir endlich den Gang durchs Wohnzimmer antreten konnten. Ich nennen ihn den „Gang der Lüge“.

Mutter und Vater zogen meinem Bruder und mir Wollmützen übers Gesicht, damit wir das Christkind nicht sehen können und es nicht wegfliegt. Diese acht Sekunden quer durchs Wohnzimmer in den hinteren Teil der Wohnung waren das heimliche Highlight des Tages. Zu verdanken hatten wir das den Wollmützen und ihren sehr groben Maschen – durch die man durchsehen konnte. Was wir sahen, war alles Lüge: Keine Spur vom Christkind, dafür ein halb geschmückter Baum und ein paar vereinzelte Geschenke, die unmöglich vom Christkind sein konnten; das bringt sicher alle Geschenke auf einmal – aus Gründen der Logistik.

Die Familie errichtete also ein kunstvoll konstruiertes Lügengebäude. Natürlich war das Christkind da, natürlich hatte es noch keine Geschenke gebracht und natürlich hatten wir nichts gesehen. Auch nicht durch das Schlüsselloch der Wohnzimmer-Türe. Und da endet das Lügen für gewöhnlich nicht. Natürlich gefällt mir der Pullover. Natürlich schmeckt das Essen. Natürlich hab ich das Buch noch nicht. Natürlich singst Du wunderschön.

Aber das ist das Schöne an Weihnachten. Man liebt seine Familie so sehr, dass man ihr nicht immer die Wahrheit sagen muss. Eigentlich das beste Geschenk von allen. Frohes Fest!

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Ablaufdatum

Ich hatte nicht damit gerechnet, so unvermittelt mit dem Ende konfrontiert zu werden. Man hat es doch immer irgendwie aufgeschoben, sich gedacht: bis dahin isses noch lang. Und dann, auf einmal, stand auf meinem Milchpackerl: „21.12.2012“. Dieser Liter Milch hält also mindestens bis zum letzten Tag der Welt.

Viele Dinge sind ja mit einem Ablaufdatum versehen. Beziehungen, Regierungen, Butter. Nur ganz so wörtlich nimmt man es meistens nicht. Meistens denkt man sich: „Aber geh, ein bisserl drüber kann man schon gehen.“ Nicht in diesem Fall. Bei meinem letzten Liter Milch kann man davon ausgehen, dass das Ablaufdatum korrekt ist. Es ist nur schwer vorstellbar, dass nach dem Ende ein einsamer Liter Milch an der Stelle schwebt, an dem kurz zuvor noch die Erde war. Wobei das sicher ein nettes Bild wäre: Die Außerirdischen kommen zwei Tage später  – halt das geht nicht, es gibt keine Tage mehr – also sie kommen rund um Neujahr – geht auch nicht – sie kommen später endlich bei uns an und finden nur noch meinen Liter Milch –  der inzwischen auch noch sauer geworden ist.

Das hat schon was Finales an sich. Mein letzter Liter Milch. Ich werde vermutlich noch meine letzten Nudeln kaufen, mein letztes Brot, meine letzte Schokolade, meine letzte Zahnpasta, meine letzten Taschentücher. Ganz sicher werde ich mir noch mein letztes Bier kaufen – aber erst ganz am Schluss, es könnte nicht schaden, dem Ende mit einem Damenspitzerl entgegen zu wanken.

Mein letztes Klopapier hab ich schon daheim, das war ein Vorratspack im November, der reicht noch diese eine Woche. Nie mehr Klopapier kaufen. Schade eigentlich.

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Zu spät zum Nikolo

Jedes Jahr am Nikolausabend war ich bei Familie L. eingeladen. Monatelang davor und monatelang danach ließ ich mich nicht blicken, nur an diesem Abend war ich zu Gast. Aber: Ich kam immer zu spät. Und zwar genau 10 Minuten, nachdem der Nikolaus gegangen war. Das ist in etwa so lange, wie man brauchen würde, um ein rotes Kostüm mit Stab in einem Kofferraum zu verstauen. Jedes Jahr wurde ich von den Kindern dafür gerügt. Jedes Jahr rangen sie mir das Versprechen ab, im nächsten Jahr doch bitte pünktlich zu sein. Und dann erzählten sie mir ausführlich, was der Nikolaus gesagt hatte. Ich zupfte mir derweil ein weißes Kunststoff-Haar aus dem Scheitel. Unglaublich, dass wir so lange damit durch gekommen sind.

Bis es eines Tages vorbei war. Zwei Wochen vor dem großen Abend rief mich die siebenjährige Tochter der Ls, Johanna, an. Sie war aufgeregt. Sie druckste herum. Und dann ging sie aufs Ganze: „Bist Du der Nikolaus?“ Meine Gedanken begannen zu rasen. Was tun? Aufklären? Leugnen? Eiskalt anlügen? Vor allem: Je länger ich zögerte, desto eher würde sie den Braten riechen. Ich versuchte es diplomatisch: „Was sagt denn Deine Mama?“ Die Antwort traf mich hart: „Die sagt, ich soll Dich fragen.“ Danke, Mama L.

Der Nikolaus musste also der kleinen Johanna erklären, dass er nur erfunden war. Zum Glück nahm sie es mir nicht übel. Im Gegenteil: Zwei Wochen später stand sie hinter ihrem jüngeren Bruder und zwinkerte mir pausenlos sehr wissend zu. Immerhin war sie jetzt eine Große.

Meine Nichte hat das eleganter gelöst. Die hat sich in der Schule vorab informiert, ihren Eltern dann erklärt, dass es den Nikolaus nicht gibt, und gleich in einem Aufwaschen das Christkind, den Osterhasen und die Zahnfee sterben lassen.

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Kinderpunsch

Der erste Advent ist vorbei und spätestens jetzt ist es Zeit für den unvermeidlichen Punsch. Man soll sich in die Kälte stellen, den zu süßen und zu heißen Alkohol wahlweise in sich hinein schütten, sich damit anpatzen oder sich damit verbrennen, Musik erdulden, die man eigentlich nicht hören will, zwischendurch ein wenig frieren und Betrunkene mit Rentier-Mützen beim Ungut-Auffallen zuschauen. Freuet Euch, s’Christkind kommt bald.

Letzte Woche nahm ich eine Einladung freudig an, noch bevor ich den Zeitplan der besten Mutter der Welt gecheckt hatte. Das war ein Fehler. Die beste Mutter der Welt war verhindert, das schönste Kind der Welt wurde somit mir übergeben. Punsch oder Kind, lautete die Frage. Ich entschied mich für Punsch UND Kind. Das schönste Kind der Welt schläft ohnehin gern in seinem Wagerl und Punsch trinkt man ja auch nur mit einer Hand, da bleibt eine zum Schaukeln frei.

Punsch UND Kind ist nicht lustig. Weil man mit Kind weder zum Punsch noch zu den Leuten kommt. Es ist nämlich so: Die Leute stehen beim Punsch. Weil also nur beim Punsch was los ist, stehen auch die Raucher beim Punsch. Und weil es saukalt ist, stehen sie dort alle recht eng beieinander. Mit dem Wagerl komme ich nicht durchs Gedränge, also stehe ich allein und ohne Punsch am Rand. Hin und wieder bläst ein Raucher in meine Richtung. Der Abend war kalt und ein wenig einsam. Und Wurschtigkeit konnte ich mir auch keine antrinken.

Mit Glühwein wird es sicher besser gehen.