Archiv für den Monat September 2012

Plötzlich ganz allein

Gestern. Der blanke Horror. Mein Handy fällt zu Boden und ist aus. Nicht ausgeschaltet, sondern ganz aus. Einschalten geht nicht. Anschreien hilft nicht. Freundin unterwegs, Kind mit, ich ohne Handy. Plötzlich ganz allein.

Man scherzt oft darüber: Was haben wir vor den Handys eigentlich so gemacht? Da war man „nicht erreichbar“. Ja, heutzutage muss man das schon in Anführungszeichen setzen, das kennen die Jungen gar nicht mehr! Was also tun? Ich hab sofort ein paar Emails verschickt, um einigen Leuten zu sagen, dass ich telefonisch nicht erreichbar bin. Könnte ja was sein, was ich sofort wissen muss. Und dann probieren die, mich anzurufen und ich heb nicht ab! Unvorstellbar. Dann hab ich mir mal so durchgedacht, was alles auf meinem Handy gespeichert ist, und bin drauf gekommen: Alles. Sämtliche Telefonnummern meiner sämtlichen Freunde, die ich natürlich nicht auswendig weiß. Fast alle Fotos, die es vom schönsten Kind der Welt bisher gibt. Notizen zu aktuellen und künftigen Projekten. Sprachaufnahmen mit Ideen. Kalender, Termine, Handyparken, eine Google-Sternenkarte. Letztere brauch ich nicht oft, aber ich hab sie lieb gewonnen. Mit anderen Worten: Mein Leben.

Jetzt sag keiner: „Das hat man jetzt davon. Früher wäre es dir nicht so ergangen!“ Stimmt nicht! Früher hatte ich alles in einem kleinen Buch aufgeschrieben, wenn ich das verloren hätte, wäre ich genauso am Sand gewesen. Eine Art Angst vor dem Unbekannten machte sich breit. Als hätte Kolumbus sich vor der Abfahrt die Augen verbunden und gesagt: In diese Richtung! Ich hielt mein Handy und es gab mir Halt.

Der Leser will wissen, wie sich das anfühlt? Dann lade ich zum Selbstversuch ein. Legen Sie Ihr Handy auf den Boden und treten Sie mit Straßenschuhen dreimal ganz fest drauf. Einfach nur Ausschalten gilt nicht. Es muss sich schon authentisch anfühlen.

Da fällt mir ein, ich sollte dringend ein Backup von meinem Computer machen.

Aufzug nach unten

Mit dem Kinderwagen in der Wiener U-Bahn unterwegs zu sein, ist eine ganz eigene Erfahrung. Denn dazu muss man die Aufzüge in den U-Bahn-Stationen benutzen. Und die sind eine eigene kleine Welt.

Zuerst muss man sie mal finden. Bisher ist man auf Rolltreppen gefahren – oder in so vielen Fällen auf stillstehenden Rolltreppen gegangen. Die Aufzüge mussten ein Schattendasein fristen, man nahm sie so wenig wahr wie die Ständer mit den täglichen Gratiszeitungen. Die über Jahre gelernten kürzesten Wege mussten komplett aus dem Gedächtnis gelöscht werden, die Aufzüge befinden sich nämlich immer in den entlegensten Winkeln der Station. Da hat der kinderlose Architekt beim Planen sicher viel gelacht.

Dann muss man den Geruch in den Aufzügen ignorieren lernen. Sollte man das nicht schaffen, kriegt die Nase abwechselnd  Schweiß im Sommer, Urin im Winter und Gras dazwischen. Man muss es aber auch einsehen. Eine U-Bahn-Station ist ein windiger Ort, schon allein jeder einfahrende Zug schiebt vor sich eine Luftsäule her, die als kleiner Orkan den Bahnsteig erreicht. Wenn man betrunken ist, will man nicht im Wind pinkeln, das Streichholz für den Joint geht bei diesen Verhältnissen auch immer wieder aus, da kommt so ein kuscheliger Aufzug sehr gelegen.

Und zu guter Letzt muss man sich mit den Wienern herumschlagen. Nicht mit jenen Wienern, die alt oder krank sind und deshalb gerne auf Stufen verzichten. Sondern mit den Wienern, denen es schlicht zu blöd ist, zu Fuß zu gehen oder sich auf eine Rolltreppe zu stellen. Die drängeln sich dann lieber noch schnell vor, schauen dämlich auf die jungen Eltern, die mit dem Kinderwagerl jetzt keinen Platz mehr im Lift haben, und denken sich das, was Wiener sich oft denken: „Ma wurscht.“

An die fünf Wiener, die heute morgen in der Station Spittelau zu faul waren, ihre dicken Beine zu bewegen: Ich denk mir auch grad was, was die Wiener sich oft denken: „Geht’s sch*****!“

Straffrei pupsen

Da ist sie jetzt also. Sie hat einen tollen Namen (wir haben es doch noch geschafft), sie hat ausreichend Finger und Zehen, große Augen, eine große Stimme und einen kleinen Darm. Und gerade die Zusammenarbeit der Letzteren macht unser Leben derzeit sehr … nennen wir es: interessant.

Es ist schon faszinierend, wie sehr das Wohlbefinden einer ganzen Sippschaft von der Verdauung einer Sechs-Kilo-Person abhängt. Kann sie pupsen, ist alles gut. Kann sie es nicht, ist gar nichts gut. Sie kann dann nicht schlafen. Wenn sie nicht schlafen kann, können wir es auch nicht. Wenn wir nicht schlafen können, sind wir grantig. Wenn wir grantig sind, sind wir am Telefon unfreundlich zu unseren Familien. Wenn wir unsere Familien am Telefon anschnauzen, sind die grantig und schnauzen ihrerseits Freunde, Kunden und wildfremde Menschen an. Und alles nur, weil der Zwerg nicht pupst.

Wir haben schon alles probiert. Die einen Tropfen, die anderen Tropfen, Zäpfchen, Massage mit dem einen Öl, Massage mit dem anderen Öl, Salbe, Radfahren, Fliegerfahren, Autofahren, zur Sicherheit noch ein zweites Bäuerchen machen, Kirschkernkissen, sanft schaukeln, heftiger schaukeln, Fencheltee. Wenn noch jemand einen guten Tipp hat – wir haben ihn sicher schon probiert.

Wenn es dann doch klappt, knallen die Korken. Dann wird gelacht, geknuddelt, gequietscht und gesungen. Und zwar so lange, bis innerhalb eines Sekundenbruchteils wieder alles schlecht ist. Weil das Bauchi wieder weh tut.

Einer lässt einen fahren und alle freuen sich. Eigentlich schade, dass das später aufhört.

Getaggt mit , , , , , , , , , ,

Du mich auch

Nach einem schönen langen Urlaub der erste Tag wieder in Wien, ein Stau, ein Moped, ein Aufkleber: „Fuck You“. Erst einmal denke ich mir gar nichts. Da will einfach eine junge Dame der Welt sagen, was sie von ihr hält. Nicht viel zwar, aber immerhin hat sie eine Meinung.

Die Welt scheint der jungen Dame also ein Ort, dem man den verbalen Mittelfinger zeigen muss. Warum diese Verbitterung der jungen Dame? Weil sie nur ein kleines Moped mit rotem Nummerntäfelchen hat, und nicht die 600ccm KTM, die sie lieber hätte? Weil Mutter ihr einen Helm aufgesetzt hat, der nicht ganz so cool ist wie die Freundes-Helme? Weil überhaupt alle gemein und blöd sind mit Ausnahme ihrer selbst und ihrer best friends forever Schantall, Tschennifa und Wanessa?

Oder gilt der Aufkleber mir persönlich? Immerhin fahre ich in einem vergleichsweise komfortablen Wagen hinter dem roten Nummerntäfelchen her. Vielleicht bin ich ihr Ausdruck eines Bonzentums, das sie in ihrer jungen Revoluzzerhaltung so vehement ablehnt. Vielleicht macht sie mich verantwortlich für hohe Lebensmittelpreise, die Abholzung des Regenwaldes, das Sterben der Wale und die allgemeine Verrohung der Gesellschaft. Vielleicht sind alle über 30 ohnehin nur blöde Spießer, die mal aufgerüttelt werden sollen. Dabei kennt die mich gar nicht!

Und überhaupt – wie kommt so ein Gör dazu, über mich zu urteilen? Sie weiß gar nichts über mich! Sie, die vermutlich ihre Wochenenden mit Sex, Drogen, und Alkohol vergeudet. Sie, die auf ihre Ausbildung pfeift, die nicht weiß, was Arbeit, was Verantwortung ist. Sie, die noch nie die bittere Armut erlebt hat, die wir in unserer Kindheit erleben mussten. Zum Spielen hatten wir nur ein Stückerl Staniolpapier, einen Stock und einen toten Frosch, aber trotzdem waren wir zufrieden. Die Kinder von heute können doch eh nur noch in ihre Smartphones schauen und dabei die Rechtschreibung verlernen. Blöde Kuh.

Es gibt nur eines, was so ansteckend ist wie gute Laune. Schlechte Laune.