Archiv für den Monat Juli 2012

Optisch Leiden

Als Kind mit Brille wird man verlacht, veräppelt und mit gemeinen Spitznamen bedacht. Da heißt es dann „Komm doch rein, warum stehst du draußen vor dem Fenster?“, oder „Vierauge“, oder „Dioptrien-Otto“ (danke Ernst Hinterberger).

Als Jugendlicher in den 90ern steht man vor dem Problem, dass es schlicht keine coolen Brillen gibt. Die Auswahl beschränkt sich auf zu hässlich, zu brav oder ein wenig verrückt. Ich wählte verrückt in der Hoffnung, das sei cool – war es nicht.

Beim Bundesheer ist die Brille entweder verschmiert – mit Tarnstift oder dem Speichel des Herrn Korporal – oder im Weg. Unterm Helm, unter der Gasmaske, vor dem Zielfernrohr, am Hindernisparcours, unter der Schibrille, im Gebüsch, im Straßengraben, im Dreck.

Als Student – endlich – ist die Brille salonfähig. Aber man muss höllisch aufpassen-  die Brille legt gegenüber den Mitstudenten sofort Zeugnis ab: BWL-ler, Jurist (wobei das Brillentechnisch praktisch dasselbe ist, erst die Wirtschafts-Fuzzis heben sich wieder rahmenlos ab), Geo-Sportler, Religionswissenschaftler oder noch schlimmer – gar Bursche? Die Brille sagt alles, innerhalb von Sekundenbruchteilen werden Kontakte geknüpft oder beendet, beginnen oder scheitern ganze Karrieren buchstäblich auf den ersten Blick. Die Brille, die KEIN Statement abgibt, heißt Kontaktlinse. Und selbst das ist schon wieder ein Statement.

Jetzt – Mitte 30. Die Brillenindustrie hat dazu gelernt. Es gibt inzwischen wirklich für jeden etwas. Es gibt Brillen in allen Formen und Farben, mit oder ohne Muster, unlängst sah ich sogar einen Herren mit Monokel!

Und dennoch habe ich die Wahl zwischen blind und blind. Schuld ist die Sonne. Ich kann entweder meine sehr coole Sonnenbrille tragen und die Hand vor Augen nicht sehen, oder meine sehr coole optische Brille – und mir die Hornhaut versengen lassen. Sonnengläser in meiner Stärke würden meine Sonnenbrille sprengen. Sonnengläser, die meine Sonnenbrille nicht sprengen, sprengen dafür mein Budget.

Ich bleib bis zum Herbst einfach drinnen.

Ein bissi was geht immer

Der Uwe hat mit ein paar Leuten geredet, damit sie ihm Geld geben und wenn er das Geld hat, dann wird er seine Meinung zu einem bestimmten Thema in einem Gremium des Landes kund tun. Eigentlich nix dabei – oder man tut so, als wollte sich der Uwe kaufen lassen, nur hat es dann leider nicht geklappt. Immer noch nix dabei – oder man tut so, als sollten Entscheidungen in so einem Gremium nicht davon bestimmt werden, wer am meisten zahlt. Aber wir tun ja nur so.

Jetzt hat der Uwe sogar das Gesetz auf seiner Seite. Immerhin hat ihn ein Gericht nur zu einigen Monaten Haft verurteilt und außerdem eh nur bedingt. Und das Gesetz sagt, dass der Uwe erst ab einem Jahr zurücktreten muss. Also eigentlich tut der Uwe nur das, was ihm das Gesetz erlaubt. Er könnte also noch viele andere Sachen machen. Er könnte viel zu schnell Auto fahren, oder betrunken Auto fahren, seiner Frau eine Tetschn geben, oder zwei, oder eine Katze mit einer Schaufel erschlagen oder so. All das bringt ihm vermutlich weniger ein als das eine Jahr, wegen dem er dann zurücktreten müsste. Der Uwe hat also noch viel vor!

Jetzt kann man sagen, dass einer, der sein Geld als Volksvertreter verdient, vielleicht so tun sollte, als wäre er ein Vorbild und deshalb von diesen vielen Dingen gar keines tun sollte. Damit er mit dem Gesetz statt eh nur ein bissi am besten gar nicht in Berührung kommt. Damit man ihm eine weiße Weste nachsagen kann. Damit er, wie man so sagt, ein anständiger Mensch ist. Aber wer würde noch ein Land regieren, wenn man nicht auch ein bissi privaten Spaß haben darf?

69 Prozent der Österreicher finden also, dass der Uwe jetzt zurücktreten sollte. Nur 69.