Archiv für den Monat Mai 2012

Wart kurz!

Meine liebe Freundin und ich warten. Das ist ein wenig lähmend. Zugegeben, wir warten auf was Schönes, auf den vermutlich neuen wichtigsten Menschen in unserem Leben, dennoch zehrt das Warten an unseren Nerven. Freunde haben uns empfohlen, die Zeit bis zum Ereignis noch zu genießen. Das fällt aber ein wenig schwer, wenn man vor lauter Warten nicht zum Genießen kommt. Sagen Sie einem fünfjährigen Kind, dass das Christkind heuer zwei Wochen später kommt. Aber das macht nix, dann kannst Du Dich länger drauf freuen! Und Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Stimmt nicht, findet der Autor.

Vorfreude kann gar nix im Vergleich zu der Freude, wenn es dann da ist. Egal was „es“ auch sein mag. Das Christkind, das neue Lego, das neue Auto, die Pizza, der Urlaub, das Kind. Die Leute, die sich über die Vorfreude freuen, wollen sich nur einen Zustand der andauernden, nervenzerfetzenden Agonie schönreden. Warten hat keinerlei Vor-, dafür aber haufenweise Nachteile. Erstens muss man warten, zweitens muss man sich irgendwie ablenken, damit man nicht ständig daran denkt, dass man „es“ noch immer nicht in Händen hat, und drittens ist es einfach blöd. Das mag kein gutes Argument sein, aber es stimmt.

Ich wäre dafür das Warten allgemein abzustellen. Am besten wäre, es kommt alles jetzt sofort. Der Bus, der Sieg beim Song-Contest, der Lottosechser, die Pension. Dann kann man endlich entspannt genießen, auf was man sonst nur sinnlos gewartet hätte.

Kann das bitte wer in die Hand nehmen? Ich warte solange.

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Einmal grauslig bitte

Reden wir übers Essen. Es gibt da schon Sachen, die ich nie brauche. Also nie. Und nimmer. Gar nicht. Von der Sorte gibt es auf meinem Speiseplan sogar recht viele Gerichte. Man kann auch sagen, ich bin heikel. Sehr. Wobei – ich sag nicht heikel, ich sag wählerisch. Heikel sind Leute, die an dem Essen, das sie gerade essen, was auszusetzen haben. Soweit komm ich gar nicht, weil ich sehr viele Sachen schon mal gar nicht auf den Teller nehme. Unzählige Verwandte, Freunde, Eltern von Freunden und hin und wieder auch mir völlig fremde Menschen schauen mich dann ungläubig an und sagen: „Du weißt ja gar nicht, was Dir entgeht!“ Und ich antworte: „Das ist mir allerdings wurscht.“ Ich esse was ich mag und esse nicht, was ich nicht mag. Und seit kurzem weiß ich auch genau, warum.

In China gibt es eine entlegene Region, in der man sich einmal im Jahr auf eine besondere Spezialität freut. Auf Hühnereier, die im Urin von 7 bis 10-jährigen Buben gekocht wurden. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Nicht die Eier, nur den Gedanken. Es gibt eigens beauftragte Urin-Sammler, die mit Eimern durch die örtlichen Schulen ziehen. (Womit wir auch gleich bei einer Geschichte über die miesesten Jobs der Welt wären.) Die Eier sollen nicht nur gut schmecken, sondern auch noch gesund sein. Eines dieser beiden Argumente könnte meiner Meinung nach unwahr sein.

Feinschmecker aller Welt – auf nach Fernost! Kostet die Köstlichkeit! Und dann kommt bitte zurück und erklärt mir noch einmal, dass man alles zumindest kosten muss. Sonst weiß man gar nicht, was einem entgeht. Ich bleibe unwissend und glücklich.

Über das Gießen von Fröschen

Eltern sind schon komische Menschen. Unlängst rief M. bei mir an. Ich freute mich, ich hatte ihn lange nicht gehört. Er erkundigte sich nach meinem Befinden, dann erzählte er ein wenig von sich und mitten im – Nein, nicht den Frosch gießen! – Satz sagte er etwas, was so gar nicht dorthin gehörte. Danach sprach er weiter als wäre nichts gewesen. M. hat keine Probleme, er ist einfach nur Vater.

Ich habe Eltern Dinge tun sehen, die – aus der naiven Sicht eines noch-nicht-Vaters – schon sehr eigenartig sind. Sie verbieten  etwa anderen Personen, Amphibien zu gießen. Sie freuen sich über den Stuhlgang Dritter. Sie setzen sich in Beratungen ganz ernsthaft mit dem richtigen Transportieren kleiner Menschen auseinander. Sie laufen in Unterwäsche durch den Strahl eines Rasensprengers und jauchzen dabei. Sie suchen Autos nach dem vorinstallierten Kindersitz-System aus. Sie zählen sehr bedrohlich bis drei. Sie sprechen die eigene Partnerin nur noch mit „die Mama“ an. Sie rappen das Pippi Langstrumpf-Lied. Sie gehen auf „Baby-Expos“. Sie ertragen dort das Geschrei der Märchentante, in dem Irrglauben, ihrem Nachwuchs würde das gefallen. (Der erträgt es nur, weil Mama es will.) Sie benutzen Eis als Druckmittel, um ihren Willen durchzusetzen. Sie legen ihre Tagesplanung in die Hände Minderjähriger. Sie legen mitten im Gespräch auf, nur weil das Kind plötzlich so ruhig ist, da stimmt sicher was nicht. Und sie sind immer so grundlos müde.

Jetzt muss ich aufhören. Ich muss einem recht großen Bauch erklären, er möge nicht so fest treten, denn „die Mama“ will jetzt bitte schlafen. Und ich muss hoffen, dass der Bauch versteht, was treten, was schlafen und wer bitteschön „die Mama“ ist.

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Schlumpf-Eis

Ich wurde in meinem Leben schon oft enttäuscht. Mein erstes Fahrrad versprach mit die totale Freiheit, doch sie reichte nur bis zum Ende der Siedlung. Das Gitarre-Lernen versprach mir mehr Frauen, doch ich spielte, während andere schmusten. Das Erwachsenwerden versprach mir Antworten, bekommen habe ich mehr Fragen. Doch es gab eine Sache, die mich nie enttäuscht hat, die immer das war, was sie vorgab zu sein. Nicht mehr und nicht weniger. Schlumpf-Eis. Es war blau und es schmeckte nach Schlumpf.
Das gab es wirklich, und zwar ausschließlich in einer kleinen Konditorei um die Ecke, in der zwei älterer Damen in weißen Mäntelchen selbst gebackene Kuchen an klebrige Kaffeehaustische trugen. Wenn wir beim Einkaufen einigermaßen brav waren, dann gab es am Heimweg manchmal eine Belohnung. Die beiden älteren Damen hatten in Sachen Süßigkeiten wirklich was zu bieten, doch immer musste es Schlumpf-Eis sein. Was konnte eine stinknormale Torte schon gegen BLAUES Eis ausrichten? Wir reden hier immerhin von den frühen 80ern! Da war blaues Eis schon noch was Besonderes. Zumal wir nie so richtig wussten, nach was es eigentlich schmeckte. Nach Schlumpf, das war klar, aber was genau war dieser Geschmack? Es war nicht besonders süß, auch nicht fruchtig, es war einfach… schlumpfig. Das ist das einzige Wort, das dieser Köstlichkeit gerecht wurde. Es war reine Magie.
Das Leben ist grausam. Meine liebe Freundin manchmal auch. Immer wieder hatte ich ihr vom blauen Traum meiner Kindheit erzählt, ein alter Freund stimmte mit ein, auch er war als Kind dem Schlumpf-Zauber erlegen, auch er konnte wie ich beim besten Willen nicht sagen, was der geheimnisvolle Geschmack denn nun war. Also führten wir meine liebe Freundin hin, sie sollte es selbst erleben.
Wir betraten die Konditorei, die genauso aussah wie vor gefühlten 100 Jahren, die (inzwischen wirklich objektiv) alten Damen lächelten uns aus ihren weißen Kitteln an, wir verzichteten darauf, uns an die klebrigen Tische zu setzen. Dreimal Schlumpf-Eis. Meine liebe Freundin kostete, mein Freund und ich vergaßen für einen kurzen Moment unser eigenes Eis und fixierten nur sie. Wir wollten miterleben, wie auch sie mit einem Mal verschlumpft wurde, wie auch sie begeistert und doch ratlos war, und einfach nur glücklich. Sie sah uns an und meinte: „Vanille. Mit Farbe.“
Jemand hat einmal gesagt, es ist gut, enttäuscht zu werden. Denn dann wird eine Täuschung aufgehoben und man kann endlich die Wahrheit sehen. Ich finde, das ist Blödsinn.
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