Timing

Ich sehe mich einem Phänomen ausgesetzt, das hoffentlich noch mehr Menschen trifft als mich. Wenn ich der einzige bin, mache ich mir nämlich wirklich Sorgen. Es ist nichts schlimmes, eigentlich, und doch ist es schlimm genug, um mich zu beschäftigen. Wie dieses kleine Sesamkorn zwischen den Zähnen. Keiner sieht es, aber man weiß, dass es da ist. Und dieses kleine Wissen reicht, um einen in den kleinen Wahnsinn zu treiben.

Immer wenn ich aufs Klo gehe, ruft wer an. Ehrlich. Ich arbeite viel von zu Hause aus. Und immer genau dann, wenn ich mich… zurückziehe, ruft wer an. Der, auf dessen Mobilbox ich vor zwei Minuten geredet habe. Der, auf dessen Anruf ich seit drei Tagen warte. Oder es kommt wer vorbei. Der Postbote, der Paketbote oder ein Nachbar mit dem Paket, das ich schon gestern versäumt hatte, weil ich mich gerade… zurückgezogen hatte. Absoluter Spitzenreiter im miesen Timing ist aber mein werter Kollege B. Ich weiß nicht wie er es macht. Er schafft es fast immer.

Zum Beispiel so. Wir vereinbaren ein Treffen bei mir zu Hause um 10 Uhr. B. gehört nicht zu der Sorte, die fünf Minuten vor der Zeit eintreffen, er gehört auch nicht zu der Sorte, die genau zum vereinbarten Zeitpunkt eintreffen. Er sieht die Sache mehr akademisch. (Obwohl ich ihn loben muss. Meine jahrelangen Quengeleien haben inzwischen Wirkung gezeigt.) Ich erwarte B. also um fünf nach zehn. Um drei nach zehn meldet sich meine Blase. Ich denke mir: Nein warte noch kurz, wenn er an der Türe läutet, wenn ich mich… zurückgezogen habe, dann muss er draußen warten, das ist unhöflich. Geh lieber, wenn er da ist, er kann derweil ablegen. Meine Blase und ich warten also, mit wachsender Ungeduld, bis zehn nach zehn. Ich beschließe, einen Versuch zu wagen, ziehe mich zurück und genau in dem Moment, in dem ich… also… in dem meine Blase bekommt, was sie will, klingelt es an der Türe. Wie macht er das? Letztens hat er es zweimal an einem Tag geschafft: einmal per Telefon, um sein Kommen für den Nachmittag anzukündigen, und dann … sie wissen schon.

Nachdem ich nur schlecht ein Schild unten an die Haustüre hängen kann („Bin pinkeln, komme gleich“), habe ich nur zwei Möglichkeiten: Ich lerne Härte gegenüber mir selbst oder Gleichgültigkeit gegenüber den Wartenden. Ich war noch nie ein Fan von Härte.

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