Archiv für den Monat März 2012

Victim

Ich habe an dieser Stelle über die Namensuche für meine ungeborene Tochter geschrieben. Und darüber, dass das Sprichwort von den vielen Köchen, die den Brei verderben, in einer Unzahl von Diskussionsbeiträgen aus der Verwandtschaft seinen Niederschlag findet. Am Schluss blieb „Nora“ stehen, aber nachdem ein sehr schlechter und sehr schöner Sänger vor mehr als 30 Jahren seine nackte Brust so getauft hatte, war das auch keine Option mehr. Inzwischen haben sich zwei neue Aspekte zum Thema aufgetan.

1) Meine liebe Freundin und ich müssen nicht nur die Meinung der Altvorderen berücksichtigen, sondern auch die Meinung der Spätgeborenen, in unserem Fall der Cousin meiner lieben Freundin, 13 Jahre alt. Auch er wollte unsere Shortlist hören. Und kommentierte unsere bisherige Nummer 1 mit den Worten: „Dann wird sie ein Victim.“

Victim. Opfer. Ich habe gar nicht gewusst, dass die Buchstabenkombination, mit der ich meine Tochter zum Essen rufen werde, den Ausschlag gibt über Sieg oder Niederlage, über Karriere oder Alkoholismus, über cooles Kind oder „Victim“. Völlig neue Fragen tauchten auf. Welcher Name führt zu welchem Beruf? Mag eine „Andrea“ oder eine „Rosa“ ihren Papa lieber? Wird eine „Nina“ oder eine „Laura“ früher schwanger? Wer entscheidet das? Das Universum? Die jeweiligen Schutzheiligen? Der Horst aus der letzten Reihe? Vielleicht sollten wir uns überhaupt in Kindergärten umhören? Immerhin sind die Dreijährigen von heute die Teenager-Rüpel von morgen. Wenn mir ein kleiner Justin schon jetzt sagt, welche Namen er uncool findet, dann kann ich Repressalien zumindest von seiner Seite ausschließen.

2) Ich habe letztens auf einer Babyseite von der Geburt des kleinen „Lennard Sky“ gelesen. Kein Scherz. Sein Bruder „Henry Ocean“ freut sich auch. Leider wieder kein Scherz. Also ist jetzt wurscht, wie meine Tochter heißen wird. Die anderen Kinder haben ihr Victim schon gefunden.

Freigeist bleibt drinnen

Wenn nach einem langen, kalten Winter endlich wieder mal der Frühling einen Blick riskiert und er es dabei auch noch schafft, die 20 Grad-Grenze zu knacken, dann atmet die Seele auf. Das Leben beginnt von Neuem, es zieht Geist und Körper hinaus, jede Faser pulsiert der Sonne entgegen. So geschehen am vergangenen Wochenende, so und nur so muss ein Sonntag im Frühling sein. Mein Sonntag war anders.

Ich hatte eine kleine Auftrittsserie in Graz, Stainz und Hollabrunn absolviert und war Sonntag Mittag schwer übernachtig nach Hause gekommen. Was tut man in diesem Fall? Man aktualisiert seinen Facebook-Status. Bedankt sich beim Publikum, schickt den Bühnen-Kollegen Grüße und weist ganz allgemein auf die nächsten Termine hin. Nachbereitung halt. Und man schaut Fotos an. Von Menschen, die mit ihren Fahrrädern losgezogen sind, die mit Hunden im Park spazieren, die in der Sonne liegen, die freie, frische Luft atmen und die Welt per Foto-Upload an ihrem Frühlingsglück teilhaben lassen. Das sollte man auch tun. Man sollte rausgehen und blauen Himmel tanken, man sollte sich sportlich betätigen oder einfach nur genießen. Und in jedem Fall ein Foto auf Facebook hochladen, damit alle anderen ein bissi neidisch werden können, weil man es selbst noch ein Stückerl schöner hat als sie. Was immer man auch tut, es muss so außergewöhnlich sein, dass man Aufmerksamkeit erregt, dabei aber so unangestrengt rüberkommen, dass alle glauben, das macht man eh immer. Denn immer, wenn schönes Wetter ist, macht man was Cooles. Immer, wenns warm ist, geht man raus und lässt den Geist frei sein.

Aber ist das denn noch Freiheit? Wenn man quasi von der Sonne dazu verdonnert wird, Spaß zu haben? Immer dann, wenn sie es will? Was ist mir meinen Wünschen? Vielleicht will ich an einem sonnigen Tag gar nicht rausgehen und meinen Geist frei sein lassen? Vielleicht will ich mein Leben nicht nach der Sonne richten? Was bildet die sich überhaupt ein? Ich kann meinen Geist frei sein lassen, wann ich es will, da brauch ich wirklich nicht die Erlaubnis der Sonne dazu!

Mein Sonntag begann und endete auf meiner Couch. Dazwischen gab’s ein Nickerchen. Das war nicht Trägheit. Das war der Mut des Einzelnen, sich dem Diktat eines Himmelskörpers zu widersetzen. Das war wahrer Freigeist. Und wahrer Freigeist bleibt drinnen, wenn die Sonne scheint.

Timing

Ich sehe mich einem Phänomen ausgesetzt, das hoffentlich noch mehr Menschen trifft als mich. Wenn ich der einzige bin, mache ich mir nämlich wirklich Sorgen. Es ist nichts schlimmes, eigentlich, und doch ist es schlimm genug, um mich zu beschäftigen. Wie dieses kleine Sesamkorn zwischen den Zähnen. Keiner sieht es, aber man weiß, dass es da ist. Und dieses kleine Wissen reicht, um einen in den kleinen Wahnsinn zu treiben.

Immer wenn ich aufs Klo gehe, ruft wer an. Ehrlich. Ich arbeite viel von zu Hause aus. Und immer genau dann, wenn ich mich… zurückziehe, ruft wer an. Der, auf dessen Mobilbox ich vor zwei Minuten geredet habe. Der, auf dessen Anruf ich seit drei Tagen warte. Oder es kommt wer vorbei. Der Postbote, der Paketbote oder ein Nachbar mit dem Paket, das ich schon gestern versäumt hatte, weil ich mich gerade… zurückgezogen hatte. Absoluter Spitzenreiter im miesen Timing ist aber mein werter Kollege B. Ich weiß nicht wie er es macht. Er schafft es fast immer.

Zum Beispiel so. Wir vereinbaren ein Treffen bei mir zu Hause um 10 Uhr. B. gehört nicht zu der Sorte, die fünf Minuten vor der Zeit eintreffen, er gehört auch nicht zu der Sorte, die genau zum vereinbarten Zeitpunkt eintreffen. Er sieht die Sache mehr akademisch. (Obwohl ich ihn loben muss. Meine jahrelangen Quengeleien haben inzwischen Wirkung gezeigt.) Ich erwarte B. also um fünf nach zehn. Um drei nach zehn meldet sich meine Blase. Ich denke mir: Nein warte noch kurz, wenn er an der Türe läutet, wenn ich mich… zurückgezogen habe, dann muss er draußen warten, das ist unhöflich. Geh lieber, wenn er da ist, er kann derweil ablegen. Meine Blase und ich warten also, mit wachsender Ungeduld, bis zehn nach zehn. Ich beschließe, einen Versuch zu wagen, ziehe mich zurück und genau in dem Moment, in dem ich… also… in dem meine Blase bekommt, was sie will, klingelt es an der Türe. Wie macht er das? Letztens hat er es zweimal an einem Tag geschafft: einmal per Telefon, um sein Kommen für den Nachmittag anzukündigen, und dann … sie wissen schon.

Nachdem ich nur schlecht ein Schild unten an die Haustüre hängen kann („Bin pinkeln, komme gleich“), habe ich nur zwei Möglichkeiten: Ich lerne Härte gegenüber mir selbst oder Gleichgültigkeit gegenüber den Wartenden. Ich war noch nie ein Fan von Härte.

Der Rest ist Schweigen

Endlich hat es einer erfunden. Das war wirklich an der Zeit. Ich frage mich, wie die Menschheit so lange ohne auskommen konnte. Vermutlich sind deswegen so viele schreckliche Sachen passiert. Kriege, Scheidungen, Koalitionen. Wir hätten uns so viel ersparen können. Aber nein, erst 2012 kommt einer daher und erfindet es. Spät, finde ich. Jetzt ist es da ja. Jetzt will ich es haben. Damit ich mir so was nie wieder anhören muss. So sinnloses Zeugs, das mich nur aufhält, aber nirgendwohin führt.

Der SpeechJammer ist auf der Welt. Von japanischen Forschern entwickelt, bringt das Gerät Menschen dazu, den Mund zu halten. Es nimmt Gesagtes, das nicht gehört werden will, auf, und schickt es per Lautsprecher mit kurzer Verzögerung wieder an den Sager zurück. Der Sager wird irritiert – und schweigt. Nun gut, es mag eigenartig anmuten, wenn jeder Mensch mit einem radar-pistolen-großen Teil am Gürtel herumläuft und es bei Bedarf auf Nicht-Gesprächspartner richtet. Aber wäre das nicht toll? All die Sätze, die man so oft schon lieber nicht gehört hätte, man könnte sie einfach so abstellen.

  • „Zieh eine Jacke an, du wirst dich verkühlen.“
  • „Aber ich pflege dich dann nicht, wenn du krank bist.“
  • „Die Ampel da vorne ist rot.“
  • „Ach so machst du das? Ich mach das immer ganz anders.“
  • „Sehr geehrte Fahrgäste, wegen eines Verkehrsunfalls…“
  • „Wir müssen reden.“
  • „Ich war heute bei deinem Lehrer.“
  • „Ich will ja nix sagen, aber…“
  • „Ist das ihr Hund, der da auf meinen Rasen…?“
  • „Genießt’s noch die Zeit zu zweit, wenn das Kind da ist, wird alles ganz anders.“
  • „Das ist eine Schmutzkübelkampagne.“
  • und alles was mit: „Liebe Kollegen von der FPÖ…“ anfängt.

Wie still und erhaben wäre unser Leben. Und wie fad.

Franzose gegen Auslöser

Ein Franzose will Google verklagen. Der Grund: Ein Kamerawagen, der Aufnahmen für Google Street View machte, hat über den Zaun hinweg den Garten des Franzosen fotografiert. Jetzt mag man sich sagen: Dann sieht man halt einen französischen Garten, was ist das Problem? Ich kann auch nach Frankreich fahren und persönlich über den Gartenzaun spechteln, vermutlich wird er mich nicht verklagen. Allerdings hat der vermutlich voll automatische Google-Auslöser ausgerechnet in dem Moment seine Arbeit getan, als der Franzose in seinen eigenen Garten gepinkelt hat.

Jetzt weiß ich nicht, ob der voll automatische Google-Auslöser extra auf den wunderbaren Moment gewartet hat oder ob es sich  um einen Glückstreffer handelt. Auch weiß ich nicht, wie das die Franzosen sonst so handhaben: Fühlen sie sich am Klo beengt? Sind sie Frischluft-Fanatiker? Blockierte Madame schon seit Stunden das Badezimmer? Ist Franzosen-Lulu besonders gut für Radieschen? Oder besonders schlecht für Maulwürfe? Wenn die Franzosen in den eigenen Garten pinkeln, was tun sie in den Gärten der lieben Nachbarn? Und was – um Himmels Willen – in den Gärten der unsympathischen Nachbarn?

Wir werden die Gründe für die Blasenentleerung nie erfahren, genau genommen geht es uns auch nichts an. My garden is my toilet, wie die Engländer sagen. Oder so ähnlich. Der Grund für die Klage war übrigens, dass der Franzose findet, Google habe ihn mit dem Enthüllungsfoto zum Gespött der Nachbarschaft gemacht. Ich finde, wer in seinen eigenen Garten pinkelt, braucht Google dazu wirklich nicht.