Archiv für den Monat Februar 2012

Merci

Ich habe beschlossen, die Fastenzeit ohne Alkohol und Süßigkeiten zu verbringen. Nein, nicht aus religiösen Gründen. Ich bin das, was man weithin einen „Feiertagschristen“ nennt – mein Jahreskreis besteht aus Schokoschirmchen zu Weihnachten, Geselchtem zu Ostern und Schaumrollen vom Allerheiligen-Standl. Auch nicht aus figürlichen Gründen, zumindest rede ich mir das ein. Einfach nur, weil es möglich sein muss. Man muss es doch schaffen, an den drei Regalen neben der Kassa vorbei zu gehen, ohne ein Balisto zu nehmen. Obwohl ein Balisto sogar gesund wäre!

Bis jetzt ist es möglich. Ich habe das allabendliche Eisessen mit meiner schwangeren Freundin eingestellt, ich bin Kassen-Regal-abstinent, ich bin letztens nach einer Kabarettpremiere recht bald nach Hause gegangen, weil ein Pepsi nur halb so gemütlich wie ein kleines Bier ist. Ich habe sogar – und das ist meine bisherige Fasten-Bestleistung – eine Packung Merci, die mir mein Werkstattberater nach einem kleinen Service überreichen wollte, abgelehnt. Mit der Begründung, von der letzten Reparatur noch einen kleinen Vorrat zu Hause zu haben. Was nicht stimmte, ich hatte natürlich rechtzeitig vor dem Aschermittwoch alles weggeputzt. Der junge Mann war verstört, immerhin wissen wir, das Merci weitaus mehr sind als nur Schokolade, sie sind Zuneigung, Dankbarkeit, Verbundenheit. „Zum Verschenken?“, wagte er. Ich fühlte mich geschmeichelt, blieb aber hart. Wenn ich die Merci nicht kriege, dann schenke ich sie sicher nicht meinen Freunden, die sie dann vermutlich vor meinen Augen aufmachen.

Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich zurecht stolz auf mich und schiebe eine 2400 g schwere Lasagne für zwei in den Ofen. Der Rotwein im Sugo verkocht sich eh.

Nora geht nicht

Ich suche Kindernamen. Meine Tochter kommt im Juni zur Welt und soll heißen. Wie, weiß ich noch nicht, wir werden sie aber sicher nicht „Tochter“ rufen. Außer manchmal, wenn wir streng sein wollen. Ansonsten sollte sie einen schön klingenden Namen tragen, der nicht zu alt ist aber schon eher traditionell, der sich nicht durch irgendwelche grundlos beleidigten Kindergartenfreunde verhunzen lässt („Joachim – Schnoarchim!“) und der durch ein „i“ am Ende nicht völlig entgleist. So wie es bei „Julia“ der Fall wäre. „Juli“ ist ein Monat und kein Kind.

Als werdender Vater sieht man sich vor die Wahl gestellt, einen von zwei Wegen zu beschreiten. Erstens: Man ergründet über Monate hinweg sein Gewissen, liest heimlich Bücher, durchforstet das Internet und findet – ganz still für sich – DEN Namen. Meine liebe Freundin hat sich für den zweiten Weg entschieden: Man geht mit seinem Problem an die Öffentlichkeit und lässt die Familie an der Diskussion teilhaben. Seitdem kämpfen wir. Gegen all die Assoziationen, die jeder mit jedem Namen hat. Rechnen wir uns das durch: 15 Menschen (Omas, Opas, Onkel, Tanten, Cousinen…) reden mit. Jeder hat in seinem Handy schätzungsweise 250 Kontakte. Kontakte sind Namen. Das heißt, dass es zu jedem möglichen Namen für meine Tochter ein Familienmitglied gibt, das sagt: „Nein, das nicht. So heißt nämlich die alte Frau Schuster  und die ist eine richtige Funzen!“ Und die Frau Lorenz ist gemein und die Tochter von der Frau Hubmann – weißt schon, die Hubmann, die dort wohnt wo früher das Geschäft war, ja kennst du nicht die Frau Hubmann? – auf jeden Fall hat die Frau Hubmann eine Tochter, die auch so heißt. Und die stinkt.

Wir machten eine Liste und strichen alle weg, die gemein waren oder schiach oder blöd oder alles. Am Schluss blieb Nora. Das geht aber auch nicht. So hieß die Brust von Thomas Anders.

Schwarze Sprache

Neulich beim Bügeln vor dem Fernseher (was man halt so macht an einem Mittwoch Vormittag). Ein Werbefilm für ein Waschmittel, das besonders gut zu schwarzer Wäsche ist. Graue Wäsche mag es offenbar nicht so, zu Buntem ist es regelrecht gemein. Ich schweife ab. Mehr noch als die Reinigungskraft des Waschmittels beeindruckte mich die Zungenfertigkeit der Waschmittelbewerberin. Die junge Dame sprach Worte in deutscher Sprache, ohne dass auch nur eine Silbe, nur eine Intonationspause mit den Bewegungen ihres Mundes übereinstimmte. Das musste Bauchreden auf höchstem Niveau sein.

Man kennt das ja aus überseeischen TV- und Kinoproduktionen – also aus praktisch allem, was man hierzulande zu sehen bekommt. Da weiß man, dass die Menschen in Wahrheit Englisch reden und kann ab dem zweiten Mal Anschauen sogar das Originalzitat hinter „Ich komme wieder“ oder „Yipiaijeah, Schweinebacke“ von den Lippen der Schauspieler ablesen. Nicht so bei dieser Künstlerin mit dem extra schwarzen Waschmittel. Von ihren Lippen auf eine romanische, germanische oder finno-ugrische Sprache zu schließen, ist gänzlich unmöglich. Und mehr Sprachfamilien kenne ich leider nicht.

Ich versuche, mir den Waschmittel-Werbedilm-Dreh vorzustellen. Die junge Dame – vermutlich aus Belgien oder Liechtenstein – arbeitet mit einem schamanischen Logopäden mühevoll an einer Tolkien’schen Fantasiesprache. Die Bewegungen von Kiefer und Lippen dürfen keiner derzeit in Gebrauch befindlichen Sprache auch nur annähernd ähneln. Immerhin soll der Clip weltweit laufen. Und da will man keinen benachteiligen.

Mittelstrahl

Nur noch heute, dann ist es wieder überstanden. Diesmal hab ich gar nicht so viel davon abbekommen, ich bin zufrieden. Die letzten Jahre hat es mich schlimmer erwischt, da war ich offenbar mehr unter Menschen. Heuer hab ich mich verkrochen, dann geht’s eh. Jedes Jahr leiden die Menschen. Und jedes Jahr weiß keiner, wer eigentlich angefangen hat. Aber die Welle schwappt unaufhaltsam übers Land, nur die Härtesten können widerstehen. Und die Symptome sind schlimm. Kopfweh, Übelkeit bis hin zum Erbrechen, der Geschmackssinn ist gestört. Nein, nicht die Grippewelle – der Fasching.

Fasching in Österreich ist ein Witz – findet der Autor. Nicht die althergebrachte Umkehrung der Ordnung, das Ventil, sondern ein dem Land mit Mühe übergestülpter Wirtschaftszweig. Keiner will ihn wirklich, aber keiner kann sich wirklich dagegen wehren. Aber seien wir mal ehrlich: Wenn Dir einer einen Krapfen hinstellt, dann isst Du den. Wenn die Narren im Fernsehen sind, dann schaut man halt. Wenn der öffentliche Verkehr dem großen Umzug zum Opfer fällt, dann geht man halt hin. Und wenn man halt schon hingeht, dann setzt man sich halt auch einen lustigen Hut auf. Lustige Hüte sind übrigens das allerschlimmste. Fast nichts ist unlustiger als ein lustiger Hut. Nur der Gesichtsausdruck des Hutträgers.

Faschingsdienstag in einem medizinischen Labor. Eine Hexe nimmt mir Blut ab. Eine Putzfrau schreit „Gekühltes Blut im Lift!“ in einen Schacht. Und eine Dame sagt zu mir: „Das ist für die Harnprobe, wenns geht bitte den Mittelstrahl, ja?“ Sie trägt eine grüne Schaumstoffnase.

Nicht sehr streng

Wo schon der Kongress getanzt hat, drehen sich auch heute noch die Großen, die weniger Großen und die Großmäuligen selig im Dreivierteltakt. Der Opernball 2012 war wieder ein Fest, zumindest das, was ich davon gesehen habe, bevor ich auf meiner Couch sanft entschlafen bin. Dabei war der Ball reich an Höhepunkten: Niki Lauda besucht dieselbe Veranstaltung wie Conchita Wurst und seine Kinder müssen das im Fernsehen anschauen! Richard Lugner geht mit seinem Gast ausnahmsweise nicht komplett baden! Alfons Haider wird von des Bundespräsidenten Augenbraue ermahnt! Der Mann von Lilian Klebow hat es nicht mehr zum Friseur geschafft!

Und zwei Polizisten bewachen den Opernball. Aber vor der Oper. Nicht drinnen, wo die ganzen Menschen sind. Warum nicht drinnen? Das können sie nicht sagen, das „fällt unter das Sicherheitskonzept“. Vermutlich weil es in der Oper ein wenig stressiger zugeht, als davor. Und Stress will sich ein österreichischer Polizist nicht antun. Selbst UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon samt Gattin kann unsere braven Polizisten nicht aus dem Konzept bringen. Der hat eh seine eigenen Leute mit. Vermutlich halt. Und James Bond ist auch da. Und sollte doch jemand was Böses versuchen, dann gibt es immer noch die Augenbraue des Bundespräsidenten, die für Ruhe sorgen wird! Und überhaupt: Wir sind in Österreich! Das Schlimmste, was Ban Ki Moon passieren kann, ist, dass ihm ein Telekom-Manager ein paar hunderttausend Euro in die Frack-Tasche steckt. Naja, das kann vorkommen. Aber sonst? Eben.

Letzte Frage des Reporters an die beiden Polizisten: „Werden Sie sehr streng sein?“ Antwort: „Nicht sehr.“ Alles Walzer.

Die Bürste will es so

Ich hab mir eine neue Zahnbürste gekauft. Elektrisch, ich bilde mir ein, dass meine Zähne damit weißer werden. Kein weiß Gott wie ausgefeiltes Modell, ohne Display, ohne drei-Wege-Bürste, ohne Ultraschall. Es soll ja Zahnbürsten geben, die nebenbei auch noch Mozart spielen, damit meine Kinder später einmal gescheiter werden. Meine Zahnbürste bürstet meine Zähne und zwar elektrisch.

Auf der Packung war von einem „2 Minuten Timer“ die Rede, das klingt gut, dachte ich, wann immer ein englisches Wort vorkommt, ist es sicher eine hoch technische Angelegenheit, der ich blind zu vertrauen habe. Ich packte die Zahnbürste aus, lud sie einige Stunden auf, immerhin will ich meine Zähne ja elektrisch mit voller Power bürsten, und freute mich auf den Erstgebrauch am Abend. Das Putzgefühl war angenehm, sauber und weiß. Wie ich es mir von einer neuen Zahnbürste erwarte. Plötzlich Stille und keine Vibrationen mehr am Zahnfleisch. Die neue Zahnbürste hat nach exakt 2 Minuten ihren elektrischen Atem ausgehaucht. Und zwar bevor ich die schwierige Stelle links oben ganz hinten gebürstet hatte. Kein Druck auf den Knopf, kein Flehen, kein Anschreien half, der 2 Minuten Timer hatte gesprochen.

Meine Zahnbürste schreibt mir vor, wie ich meine Zähne zu bürsten habe. Ich komme mir so klein vor.

PS: Stunden später die Erkenntnis, dass sie einfach nur kaputt war. Ich hatte meine Zahnbürste überschätzt. Jetzt komme ich mir nicht mehr klein vor, dafür aber blöd.

U4

Meine liebe Freundin berichtet gerade, dass sie mit der U4 unterwegs ist. Der gelernte Wiener freut sich schon jetzt – die U4 ist ein verlässlicher Garant für Spaß und Frohsinn aller Art. Wenn man Sinn für Humor hat. Den haben offenbar auch die Wiener Linien, besonders bei Schneefall.

Meine liebe Freundin sitzt in der U4 in Richtung Heiligenstadt. Die U4 bleibt in der Station Schottenring stehen. Was an sich gut ist, damit Menschen ein- und aussteigen können. In dem Fall bleibt sie allerdings etwas länger stehen. So lange, dass der Mensch, der im Lautsprecher wohnt, die Fahrgäste darauf hinweist, dass die U4 so bald wohl nicht weiterfahren wird. Die Fahrgäste steigen aus. Da besinnt sich der Mann, der im Lautsprecher wohnt eines besseren und sagt, dass die U4 es sich jetzt doch anders überlegt habe, sie werde wieder fahren. Die Fahrgäste freuen sich und steigen wieder ein. Die U4 freut sich vermutlich auch und fährt los – allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Das zu erwähnen hat der Mann im Lautsprecher vergessen.

Das wäre was neues für die Wiener Linien: Das Überraschungsticket. So kriegt man auch was von der Stadt zu sehen!